Krobitz, St. Annen-Kapelle

Krobitz, St. Annen-Kapelle

Flammenorgel zieht an

Der international renommierte Künstler Carsten Nicolai hat eigens für die St. Annen-Kapelle aus dem 11. Jahrhundert eine skulpturale Arbeit entwickelt: ‚organ’ ist im weitesten Sinne ein Musikinstrument, das von frühen Entwürfen sogenannter Flammenorgeln aus dem späten 18. Jahrhundert inspiriert ist.

Die Kunstkapelle St. Anna in Krobitz ist im Rahmen der IBA Kandidatur der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland entstanden.

Im Gegensatz zur klassischen (Kirchen-) Orgel erzeugen hier Flammen die Töne, indem sie die Luft in den Glaszylindern zum Schwingen bringen.

IBA Projektleiterin Ulrike Rothe im Gespräch mit dem Künstler Carsten Nicolai.

Das Kunstprojekt schafft einen starken Ort und verleiht der romanischen Kapelle, die einen Fixpunkt in der sanft anmutenden Landschaft im Saale-Orla-Kreis bildet, neue Strahlkraft. Die Kunstkapelle ist das erste realisierte Projekt im Rahmen des Ideenaufrufs ‚Querdenker für Thüringen 2017’, mit dem die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland nach innovativen Nutzungen für viele der leerstehenden Kirchen in Thüringen sucht.

Projektprozess 
Interview mit Carsten Nicolai
21. März 2018

Von einem erstaunlichen Resonanzraum
Interview mit Carsten Nicolai

Kirchen sind akustisch vielleicht die kompliziertesten Orte. Sie haben einen derartig hohen Nachhall, eine so starke Resonanz auf bestimmten Frequenzen, dass man schnell versteht, dass ein Kirchenraum eben immer auch ein riesiger Resonanzraum ist. 

Und was ist dann so neu an einer „Orgel“ in einer Kirche?

Dass die Orgel endlich mal da steht, wo man sie auch sehen kann. Die Orgel der Vergangenheit, diese wahnsinnig prunkvolle Orgel ist so eingebaut worden, dass man sie eigentlich nur beim Herausgehen sieht. Und vor allem ist sie immer mehr zu einem Einrichtungsgegenstand geworden oder vielmehr zu einem Dekorationselement. Bis heute. Der Zuhörer sieht nur noch die Pfeifen, weiß aber gar nicht, wo der Sound herkommt. Hier sitzt die Gemeinde jetzt drum herum, was auch ein bisschen die normale Unterteilung auflöst. Hier findet eine gewisse Demokratisierung statt. Alle treffen sich auf derselben Ebene, in ein- und demselben Raum. Quasi auch ein spätantiker Rückgriff, als man sich beim Bau der ersten Kirchen auf das Vorbild römischer Basiliken bezog, den Versammlungsort schlechthin. Die Kanzel ist zwar noch da, aber wenn man die Mitte mit diesem Instrument besetzt, hat man zugleich einen Zuschauerraum und einen Performanceraum, ein Theater.

Vor allem aber auch einen Akustikraum?

Kirchen sind akustisch vielleicht die kompliziertesten Orte. Sie haben einen derartig hohen Nachhall, eine so starke Resonanz auf bestimmten Frequenzen, dass man schnell versteht, dass ein Kirchenraum eben immer auch ein riesiger Resonanzraum ist. Er sollte ja schwingen bei den Menschen, als ein Verstärker letztendlich des Wortes und der Musik. Der religiöse Glaube der Menschen sollte insgesamt verstärkt werden. Der Kirchenraum ist mehr als ein klassisches Instrument, er ist eben ein Resonanzkörper.

organ weist ein weiteres klassisches Element der Kapelle auf: die Flamme, das ewige Licht.

Flammen haben jenseits der christlichen Symbolik eine ganz eigene Archaik. Die Urelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde – im Grunde hat man dort alles vor Ort. organ spielt auf diese Grundelemente an. Wenn die Flamme beginnt zu resonieren, dann sieht man die Luft aufsteigen und die Flamme verändert ihre Farbe. Die spielende Flamme wird blau, die nicht spielende Flamme bleibt gelb. Der Besucher wird das Feuer mit dem Ton verbinden, man hat im Prinzip eine Visualisierung des Sounds, das ist das Schöne an diesem synästhetischen Aspekt. Die Flamme ist Lichtquelle und Feuerquelle zugleich. Im Winter wird organ die Kirche eben auch heizen. Zudem entziehen die Flammen der Umgebung Sauerstoff, es tritt also rudimentärer Sauerstoffmangel ein. Das wird aber bei der Kirche in Krobitz nicht so ganz passieren, weil sie altersbedingt zu porös ist.

Das klingt im besten Sinne archaisch, zeitlos und irgendwie auch meditativ.

Ja, es ist das, was man am Anfang am wenigsten dachte. Eigentlich ist es eine Zurückführung auf die ursprüngliche Nutzung solcher Räume. Das ist das Schöne.

Downloads 
Improvisationskonzert mit Matthias von Hintzenstern zur Kunstinstallation ‚organ’
24. August 2017

Improvisationskonzert mit Matthias von Hintzenstern zur Kunstinstallation ‚organ’

Foto: Gernot Lindemann

Foto: Gernot Lindemann

Foto: Gernot Lindemann

Foto: Gernot Lindemann

Kunstprojekt ‚organ’ zieht rund 200 Besucher in lange verschlossene Kapelle
28. Juni 2017

Kunstprojekt ‚organ’ zieht rund 200 Besucher in lange verschlossene Kapelle

Rund 200 Besucher kamen zum Eröffnungswochenende der skulpturalen Arbeit ‚organ’ nach Krobitz. Foto: Thomas Müller

Die Kunstkapelle St. Anna in Krobitz ist im Rahmen der IBA Kandidatur der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland entstanden.

Die St.-Anna-Kapelle in Weira stammt aus dem 11. Jahrhundert. Foto: Gernot Lindemann

Lange Jahre war die St.-Anna-Kapelle ungenutzt und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Foto: Thomas Müller

IBA Projektleiterin Ulrike Rothe im Gespräch mit dem Künstler Carsten Nicolai.

Das von Carsten Nicolai geschriebene Stück dauert etwa zwölf Minuten. Foto: Thomas Müller

Im Gegensatz zur klassischen (Kirchen-) Orgel erzeugen hier Flammen die Töne, indem sie die Luft in den Glaszylindern zum Schwingen bringen.

Foto: Thomas Müller

Foto: Gernot Lindemann

Elke Bergt von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland dankte am Ende des Gespräches allen, die am Vorhaben mitgewirkt und dieses unterstützt sowie gefördert haben. Dazu zählen der Künstler Carsten Nicolai mit seinem Team von yamaguchi-ufficio d’arte und WERKSTATT 4, die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Weira / Krobitz mit dem amtierenden Superintendent und Pfarrer, die politische Gemeinde Weira, die Kulturstiftung des Bundes, das Regionalmanagment LEADER des Saale-Oral-Kreises mit dem Amt für Landesentwicklung und Flurneuordnung Gera, das Architekturbüro nitschke+kollegen, die Tischlerei Herden und der Stampflehmbauer Hoppert Handwerk & Design sowie der Restorator Olaf Lindner, das Büro für Szenografie chezweitz und das Team der IBA Thüringen sowie der EKM.

Bei frischen Sauerteigbrot und Altenburger Ziegenkäse mit Lauchzwiebeln sowie Roséwein und Apfelsaft aus der Region klang der Sommerabend zum Johannisfest beim Feuer aus. Erfüllt von dem Kunstwerk ‚organ’ und der St.-Anna-Kapelle fuhren die Gäste beeindruckt, angeregt und beflügelt nach Hause, um wieder zu kommen!

OTZ: Feuer, Licht und Klänge in der St.-Annen-Kapelle in Krobitz

Kalender 

Momentan keine Termine

Ort 
Krobitz
Deutschland
Träger

· Evangelische Kirche in Mitteldeutschland
· Kirchengemeinde in Weira
· Gemeinde Krobitz/Weira in der VG Oppurg
· Freundeskreis

Planungsbeteiligte

· Carsten Nicolai
· nitschke + kollegen architekten, Weimar

Förderer

· Kulturstiftung des Bundes
LEADER / ELER
(LEADER-Aktionsgruppe Saale-Orla e.V.)

Ansprechpartnerin

Ulrike Rothe
Projektleiterin
Telefon +49 3644 51832-13
ulrike.rothe@iba-thueringen.de